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Geschichte

Auszug aus einem Text von Rolf Kamm, Historiker, erschienen 2008 in der Publikation: 75 Jahre Glarner Heimatschutz

Die Anfänge des Glarner Heimatschutzes

Am 16. April 1932 wurde im Restaurant Schweizerhof in Glarus die "Glarnerische Vereinigung für Heimatschutz" (heute GLH) gegründet, als "Sektion" oder "Ortsgruppe" der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz (SHS). Erster Glarner Präsident wurde der Architekt Hans Leuzinger, dem ein sechsköpfiger Vorstand zur Seite stand, der sich für die Belange des Heimatschutzes und die Interessen der anfangs rund fünfzig Mitglieder einsetzte.

Die erfolgreiche Gründungsversammlung stand am Ende einer fast zweijährigen Vorbereitungsarbeit durch verschiedene Persönlichkeiten und Vereine, an deren Anfang der bedenkliche Zustand des Zwickyhauses in Mollis stand. Aufgeschreckt durch entsprechende Zeitungsberichte machten sich verschiedene Leute daran, für das gefährdete Objekt Geld zu sammeln. Der Präsident des Historischen Vereins des Kantons Glarus (HVG) Gerichtspräsident Fridolin Schindler gelangte im Herbst 1930 an den Schweizerischen Heimatschutz mit der Bitte um Unterstützung, welcher dieser mit zweihundert Franken - "angesichts der Bedeutung des zu renovierenden Hauses" - gerne entsprach. Der Brief schloss allerdings mit einer folgenschweren Ermunterung: "Der Kanton Glarus ist schon seit langem unter den eidgenössischen Ständen der einzige, der keinen kantonalen Heimatschutz besitzt. Wäre eine solche Vereinigung vorhanden, so würde Sie ohne weiteres die Arbeit zum Schutze von bedeutenden Gebäuden übernehmen. Sie würde auch gegen die Reklamepest auftreten, die in Ihrem Kanton ganz besonders wuchert, [...]. Wäre es nicht möglich, eine solche Sektion endlich ins Leben zu rufen?"

Es war nun allerdings nicht so, dass es vor 1932 im Glarnerland überhaupt keine heimatschützerische Tätigkeit gegeben hätte. Bereits 1906 erfolgte ein flammender Aufruf zum Mitmachen im eben gegründeten Schweizerischen Heimatschutz auf der Titelseite der Glarner Nachrichten.

Als 1915 der zweite Band über Glarner Häuser aus der Feder Ernst Buss’ erschien, wies ein Architekt in der gleichen Zeitung darauf hin, dass es "nicht historische Rücksichten" sondern "der Gedanke des Heimatschutzes" seien, die den schweizerischen Architektenverein bewogen hätten, sich auch den Glarner Bauern- und Bürgerhäusern in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe anzunehmen.

1928 unternahm der Redaktor der Glarner Nachrichten Rudolf Tschudy erstmals den Versuch einen kantonalen Heimatschutz aufzubauen, scheiterte aber am Mangel an Zeit und Interessenten.

Mitglieder

Der neue Verein war im Wesentlichen aus dem Glarner Kunstverein und dem Historischen Verein heraus entstanden, einige "Heimatschützer" waren bereits Mitglieder der schweizerischen Dachorganisation gewesen oder Heimwehglarner, die vor 1932 in anderen Sektionen Mitgliederbeiträge bezahlt hatten und jetzt vereinsmässig "heimkehrten". 

1934 betrug die Zahl der Mitglieder 103, bis zum Ende der Dekade nahm die Zahl der Interessierten und zahlenden Heimatschützer beständig zu, allerdings fragte sich auch Leuzinger selber manchmal, ob sich der grosse Werbeaufwand für den immer geringeren Zuwachs noch lohne.

Die stetig wachsende Mitgliederzahl erreichte - wie überhaupt die Tätigkeit des Heimatschutzes - im Europäischen Jahr des Heimatschutzes und der Denkmalpflege 1975 einen ersten Höhepunkt: Der GLH wuchs sprunghaft auf über dreihundert Mitglieder.

Das glarnerische Umfeld

Die Zeit in der der glarnerische Heimatschutz entstand, war geprägt von verschiedenartigen Umwälzungen und Problemen. Vor allem "die überaus schlechte wirtschaftliche Lage unserer führenden Industrien der Textil-Branche und der dadurch bedingte starke Rückgang des Steuervermögens" während der ganzen Dreissigerjahre erschwerten das Engagement für Landschaft, Kunstdenkmäler und Ortsbilder. Die von Anfang an grosse Zahl von Mitgliedern gab den Initianten aber schliesslich Recht und später sollte die "geistige Landesverteidigung" genannte Geisteshaltung die Ideen des Heimatschutzes ohnehin wieder stärker begünstigen. Auch die krisenbedingten "Arbeitsbeschaffungsmassnahmen" des Bundes halfen den Anliegen des Glarner Heimatschutzes mit relativ billigen Hilfskräften und Bundesgeldern. Auf der anderen Seite war der GLH auch ausserordentlich gefordert, weil die Landsgemeinde 1931 einen 3,5-Millionen-Ausbau der 1925 beschlossenen durchgehenden Kantonsstrasse sprach. In den Dorfzentren von Näfels und Schwanden wurden dadurch mehrere alte und markante Häuser abgebrochen; 1937 beschloss die Landsgemeinde für 1,5 Millionen den Bau der linksufrigen Walenseestrasse zwischen Tiefenwinkel und Niederurnen. Ein schlimmes Schicksal drohte auch dem bedeutendsten Glarner Kunstdenkmal, dem Freulerpalast.

Zu den Besonderheiten des Glarner Umfeldes gehört schliesslich auch die in den Dreissigerjahren eigentlich nicht vorhandene Gesetzgebung in den Bereichen Landschaftsschutz und Denkmalpflege. Gesetze und Regelungen im Sinne des späteren Heimatschutzes gab es schon vor dessen Gründung, sie blieben aber Einzelhandlungen, wie die "Erhaltung der glarnerischen Kirchtürme in ihrer ursprünglichen Form", die die Landsgemeinde 1865 beschloss. Der Begriff "Heimatschutz" taucht in den Geschäften des Regierungsrates vor 1930 nur selten auf, meist im Zusammenhang mit Natur- und Landschaftsschutz oder den berüchtigten Reklametafeln. Schliesslich wurde der Regierungsrat auch wegen des Zwickyhauses angegangen. Verbindliche kantonale Richtlinien für die Bau- und Raumplanung, den Landschaftsschutz und den Umgang mit alten Bauten kannte das Glarnerland bis 1952 nicht, bis zu diesem Zeitpunkt hatten auch nur vier Gemeinden derartige kommunale Richtlinien. 

In diesem schwierigen Umfeld formulierte Hans Leuzinger für "seinen" Glarner Heimatschutz die folgenden Aufgaben und Ziele:

- der Schutz des Landschaftsbildes

- die Erhaltung charakteristischer Bauten

- die Förderung einer harmonischen Bauentwicklung unter Berücksichtigung guter neuzeitlicher Bauweise,

was man später als Bau- und Raumplanung bezeichnete.

Damit sollten die Ziele des Vereins für die nächsten 75 Jahre feststehen: Als der Präsident des Zürcher Heimatschutzes 1965 in Glarus über den "Wandel der Ideen des Heimatschutzes" referierte, dürften sich die Mitglieder der Glarner Sektion gefreut haben. Kritik am Heimatstil der Landi-Zeit, die Schaffung von Freiräumen mit dem Ziel einer "harmonisch sich darstellenden Kulturlandschaft", das moderne Bauen oder die Mitarbeit an Baugesetzen waren Tätigkeiten denen sich Hans Leuzinger und der GLH bereits 1932 verschrieben hatten. Die Glarner waren zeitlich bei den letzten Heimatschützern der Schweiz. Mit Sicherheit waren sie aber nicht rückwärtsgewandt, sondern eher ihrer Zeit voraus. 

Die Präsidenten des Glarner Heimatschutz

In der Geschichte des Glarner Heimatschutzes fällt die kleine Zahl von Präsidenten auf. In den 75 Jahren seiner Geschichte hatte der GLH bisher nur vier Präsidenten, zwei davon amteten gar über zwanzig Jahre lang. Dabei waren die drei gewesenen Präsidenten keine Sesselkleber: Hans Leuzinger beklagte sich mehrmals über zu viel Arbeit oder gar über ein "Gefühl des Verlassenseins". Teilen des Vorstands warf er eine zu wenig intensive Zusammenarbeit vor und "die Schlange des Missmuts und der Müdigkeit" schleiche sich beim GLH ein. Der Aktuar Heinrich Gassmann war dagegen der Meinung, diese Probleme seien auf das mangelnde Interesse der Öffentlichkeit am Heimatschutz zurückzuführen.

Trotzdem war man 1953 der Ansicht, dass niemand sonst "den HS so vertreten und betreuen kann" wie Leuzinger. Jacques Speich konnte sich dafür nur "schweren Herzens" zur Nachfolge bereit erklären. Dass Speich selbst nur einige Jahre im Amt verblieb hatte schliesslich mit einer schweren Gefässkrankheit zu tun, der er 1962 erlag.

 

Thomas Aschmann, Glarus                 seit 2013

Fridolin Beglinger, Mollis                    1995 - 2013

Jakob Zweifel, Glarus/Zürich              1962 - 1995

Jacques Speich, Ennenda                  1954 - 1962

Hans Leuzinger, Zürich                      1932 - 1954